Das Thema Vielfalt und kulturelle Bildung steht in jedem Bildungsprogramm. Es ist quasi eine Art Auftrag mit Kindern im Kindergarten die Unterschiede von Herkunft, Tradition und Lebensweisen zu besprechen. Einfache Frage, wie: „Woher komme ich?“ „Welche Kleidung tragen Menschen aus den verschiedenen Ländern?“ Wie sehen die Menschen aus Land X oder Y aus?“. Und schon hier beginnt meiner Meinung nach die Krux des Ganzen Themas.

Kulturelle Besonderheiten fangen nicht bei Religion oder Herkunftsland an

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Der übliche Weg mit Kindern zu besprechen, dass jeder Mensch individuell ist und unter anderen Lebensvoraussetzungen aufwächst beginnt nahezu auf gleichem Wege. Erstmal wird besprochen woher das Kind, Mama oder Papa kommen. Damit ist das Herkunftsland gemeint. Danach folgt der schnelle Übergang zur Religion. Sicherlich sind das zwei Faktoren, die das Leben eines Menschen beeinflussen, aber sie sind nicht als „Königsfaktoren“ zu sehen. Es bleibt auf dieser Ebene zu pauschal und dort fängt es eben an, eine Frage der Perspektive zu werden.

Wir reden zu viel von Unterschieden. Der geht in die Kirche. Die darf kein Fleisch essen. Dort spricht man nur diese Sprache. In diesem Land haben die Menschen jene Hautfarbe. Oberflächliche Attribute werden verwendet, um kulturelle Vielfalt zu beschreiben. Beginnen wir über kulturelle Besonderheiten im Sinne von Unterschieden zu sprechen, bauen wir stereotype Kategorien auf. Die Message lautet: „Die da sind anders, aber nett.“

Kulturelle Bildung im Sinne der Menschlichkeit

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Ich würde eine andere Vorgehensweise für dieses Thema bevorzugen. Um das umzusetzen, müssen wir über die nötige Haltung in den Kitas sprechen.

Die kulturelle Besonderheit:

Ich schreibe und spreche mit Absicht von kultureller Besonderheiten. Jede Kultur hat wunderbar spannende Traditionen und Eigenschaften, die einen Mehrwert für die eigene Kultur darstellen kann. Egal ob es Feiertage, Sprachen, Rituale oder Gesten sind. Die kulturelle Intelligenz muss sich ebenso weiterentwickeln. Sicherlich sind nicht alle Faktoren übertragbar, weil dahinter sehr individuelle Geschichten stecken, aber die Herausforderung muss sein, von den Besonderheiten zu wissen und sie zu akzeptieren. Die persönliche Meinung ist für den bildenden Aspekt nicht relevant.

Ramadan als Beispiel:

Eine kulturelle Besonderheit, wie zum Beispiel Ramadan, die aus einer religiösen Ansicht entstanden ist, dem Religionsoberhaupt ein persönliches „Opfer“ zu bringen. Eine Tradition, die sich in anderen Religionen und Ansichten wiederfindet. Der Grund dafür variiert.

Übertragen in das nichtreligiöse Leben, wird eine Fastenzeit auch im Sinne der individuellen gesundheitlichen Fürsorge genutzt. Gleiches Ritual, andere Motivation. Dadurch ist der Mensch nicht weniger wert, anders, schlechter, besser oder intelligenter.

Die Lebensidee des Anderen muss nicht begeistern. Sie kann ein Vorbild sein, die eigene Idee zu erweitern oder sie tut es ebene nicht.

Menschlichkeit als wahrer Wert:

Der Mensch ist selbst, ist der wahre Wert. Dieser Faktor steht im Vordergrund. Das ist im eigentlichen Sinn genau das Menschenbild, dass Kinder haben. Sie brauchen keine, vom Menschen gemachte, Kategorien. Sie werten ganz natürlich über ihre Emotionen. Entweder ihnen ist der Mensch sympathisch oder nicht.

Die Kita muss frei von Religion und Politik sein – Dann reden wir einfach nicht drüber

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Das hört sich alles ganz schön anstrengend an stimmt’s? Ja, wenn die Themen rund um Antidiskriminierung und Vielfalt so einfach wären, hätten wir keine Schwierigkeiten mit Rassismus.

Es gibt Kindergärten, die machen sich das Leben vermeintlich einfach und reden nicht über diese Themen. Das ist höchst problematisch. Vermeidung, Verbote und Gesetze lassen die Schwierigkeiten nicht verschwinden. Im Gegenteil, all die Probleme bleiben unausgesprochen und schwelen im Hintergrund. Ähnlich wie wir es gerade in unserer Gesellschaft mitbekommen, führt das möglicherweise zu einem verheerenden menschenfeindlichen Flächenbrand.

Was machen wir also?

Wir rücken die Menschlichkeit in das Rampenlicht. Nichts weniger als das wir den Kindern mitgeben, dass Gewalt gegeneinander schädlich ist. Das wir darauf verzichten über Menschen zu urteilen, weil sie nicht das Aussehen haben, welches wir wünschen. Weil Menschen anders denken, als wir es tun. Das Menschen nicht weniger wert sind, nur, weil sie an einen Gott glauben. Das, Menschen verachtet werden, weil sie anders lieben als wir selber.

Das sind nur einige Punkte, um deutlich zu machen, dass diese Oberflächlichkeit schadet. Die wichtigste Regel, die wir den Kindern von Anfang an mitgeben, ist die, dass die Menschlichkeit das höchste Gut ist. Wer dagegen verstößt, muss Konsequenzen erfahren.

Der Mensch verbindet sich über Gemeinsamkeiten nicht durch Unterschiede

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Jetzt kommen wir dazu, dass ich erkläre, wie ich vorgehen würde. Natürlich ist das noch lange nicht die Komplettlösung unserer gesellschaftlichen Probleme. Ich bin jedoch optimistisch, dass es helfen kann die Haltung zu verändern.

GEMEINSAMKEITEN:

Schauen wir auf die Gemeinsamkeiten, die Menschen aus anderen Ländern mit uns haben. Die Kinder staunen darüber, wenn sie erfahren, dass Kinder in Japan mit ähnlichen Spielsachen wie sie selbst spielen. Ebenso in eine Kita gehen oder vielleicht sogar den gleichen Sport mögen. Über gemeinsame Interessen oder Fähigkeiten schaffen wir Verbindungen. Die Sprache oder das Aussehen spielen keine Rolle. Kinder verständigen sich durch ihre Intuition. Das konnte ich selbst schon beobachten.

Gehen wir noch ein Stück weiter, können wir den Kindern zeigen, dass in anderen Kulturen genauso gelernt wird zu zählen oder zu schreiben, wie bei ihnen.

Verrückt und schon haben die Kinder eine Connection.

SPRACHE:

Sicherlich merken Kinder, dass andere Kinder besonders sind, weil sie eine andere Sprache sprechen. Sie sind voller Neugier, rätseln, fühlen sich im ersten Moment unsicher, weil sie die Laute nicht entziffern können. Damit der Faktor Sprache ein spannender Faktor bleibt, muss der Pädagoge die Fähigkeit besonders hervorheben. Dadurch entsteht möglicherweise das positive verlangen, die Sprache durch einfache Vokabeln zu verstehen. Lustig wird es besonders dann, wenn auch hier wieder Gemeinsamkeiten entdeckt werden können. Beispielsweise sind Grußgesten ähnlich oder einfache Begrüßungswörter die gelernt werden können.

Sprache öffnet das Tor zur Welt der Kommunikation, wenn sie positiv behaftet ist.

VIELFALT:

Das wunderbare an Vielfalt ist, dass jede Lebensidee eine Geschichte hat. Anstatt Vergleiche zwischen den Lebensideen zu implizieren, werden sie einfach erzählt. Wir kommen nicht auf die Welt und sind mit einem Lebensweg komplett bestimmt. Es gibt Auslöser, Ursachen, Gründe und Zufälle oder Schicksal die uns zu dem Menschen machen, der wir im Moment sind. Kinder lieben Geschichten und können logische Schlüsse ziehen, warum ein anderes Kind einen anderen Lebensweg nimmt. Wir Pädagogen und Eltern müssen diese Geschichten eben einfach erzählen ohne sie zu werten.

HERKUNFT:

Wo wir doch schon bei den Lebensideen sind. Wie oft haben Kinder schon erzählt, wen sie später heiraten. Welchen Beruf sie später ausüben wollen. Wie viele Kinder sie später bekommen möchten.

Genau so können die Besonderheiten der anderen Kulturen und Nationen fantasievoll ausgestaltet werden. Während wir relativ schnell versuchen den Kindern zu zeigen, wo das Land liegt, welche Sprache gesprochen wird oder welche typischen Gerichte gegessen werden, sollten wir sie suchen und erschließen lassen. Das passiert wieder über Gemeinsamkeiten. Helfen wir Ihnen Verknüpfungen zu erstellen.

In unserer globalisierten Welt können wir keinen einfachen Stigmata folgen. Dazu ist die Welt zu groß und zu besonders geworden.

STIGMATA:

Bleiben wir bei den Stigmata und Klischees. Sicherlich gibt es oberflächliche Merkmale, die uns scheinbar kurz und knapp bestimmter Menschenkategorien zu ordnen. Aber ganz ehrlich, dass wage ich mehr und mehr zu bezweifeln. Menschen, die türkische Vorfahren haben und in Deutschland geboren sind, sind theoretisch deutsch. Asiaten die in den USA geboren sind, sind theoretisch Amerikaner. Und so weiter und so weiter.

Egal welches Merkmal oberflächlich erscheint, es sagt nichts über den Menschen dahinter aus. Ohne Dialog werden wir das nicht erfahren. Das plumpe Nachfragen, woher der Mensch kommt ist dabei nicht meine Absicht.

Es geht darum wertschätzend in den Dialog über die Besonderheiten zu gelangen. Die Formulierung ist wichtig.

Das staunen über die Sprache. Die wertschätzende Achtung über traditionelle Gewänder oder das Interesse wie das unbekannte Gericht schmeckt führen dazu, einen Dialog mit Mehrwert zu führen.

Kinder würden von Natur aus genau das tun. Alles schon erlebt. Sie lassen sich von den Besonderheiten anderer Menschen begeistern und versuchen daran teilzuhaben.

ABER es sind doch nun mal Unterschiede – Warum drum herumreden?

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Ganz einfach, weil wir es dadurch schaffen wertschätzend miteinander umzugehen und erfahren, dass positive Achtsamkeit einen innovativen Mehrwert bringt. Auf dieser Ebene vorzuleben, setzt Potenzial frei, voneinander zu lernen.

Die Kinder werden sensibel für die Größe der Welt und sehen neue spannende Erfahrungen die sie eines Tages erleben möchten. Die Vielfalt der Menschen ist unglaublich interessant. Wenn wir als Mensch nur ein Viertel von all den Besonderheiten nachhaltig erleben könnten, dann würden wir weniger in Macht- und Neid gier verfallen. Es ist ungemein notwendig über unsere Haltung gegenüber Vielfalt zu sprechen. Sie muss stetig hinterfragt und gewissenhaft reflektiert werden. Deshalb erscheint es mir nur logisch darüber nachzudenken, ob wir in diesem Zusammenhang über Unterschiede oder Besonderheiten reden.  Vielleicht gibt es irgendwann sogar eine Generation, die sich weder über das eine oder das andere Wort unterhalten und den Menschen so akzeptieren wie er auf die Welt kommt.

Wie sollen die Kitas eurer Meinung nach mit diesen Themen umgehen? Welche Erlebnisse habt ihr gehabt?